Wochenendseminar: Gedenkstättenarbeit und Inklusion

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Tagungsbericht

Im Rahmen des Seminars zu Gedenkstättenarbeit und Inklusion, das vom 06. bis 08.10.2023 im Haus auf der Alb in Bad Urach stattfand, gab es vielfältige Beiträge und Diskussionen. Marco Brenneisen eröffnete das Seminar mit einer herzlichen Begrüßung des Auditoriums. Er erinnerte daran, dass der Begriff „barrierefrei“ vor zehn Jahren vor allem den Einbau eines Aufzugs in ein Gebäude bedeutete. Heute habe sich die Diskussion deutlich weiterentwickelt. Inklusion, so Brenneisen, umfasse heute weit mehr als nur die bauliche Anpassung von Gebäuden.
Zum Auftakt der Veranstaltung referierte Simone Fischer, Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen Baden-Württembergs, zum Thema „Teilhabe schafft Gesellschaft. Einfach Inklusion“. Sie betonte, dass echte Inklusion zu mehr Sichtbarkeit, Akzeptanz und letztlich Normalität im Alltag beiträgt. In diesem Zusammenhang verwies sie auf die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat. Für Fischer sind Inklusion und Barrierefreiheit keine bloßen Optionen, sondern vertraglich festgelegte Verpflichtungen. Jeder Mensch müsse gleichberechtigt am gesellschaftlichen und politischen Leben teilhaben können. Frau Fischer rief dazu auf, etablierte Normen und Standards kritisch zu hinterfragen und betonte die Notwendigkeit von Verbündeten, insbesondere bei der Entwicklung inklusiver Gesetze. In der anschließenden Diskussion stieß der Vortrag auf große Resonanz. Hier wurde insbesondere das Thema der Ressourcen diskutiert, ist ein Umbau für barrierefreie Mobilität aber auch eine inklusive Neukonzeption von Vermittlungsangeboten nicht immer günstig. Frau Fischer bemerkte, dass eine frühzeitige Planung zusammen mit Menschen, die selber behindert sind, oft kostengünstiger ist, als eine spätere Neukonzeption. Auch auf unsichtbare Behinderungen wie z.B. Autismus wurde verwiesen. Unter diesen Eindrücken klang der erste Abend bei einem vertieften Austausch gemütlich aus.
Am nächsten Tag starteten Luk Bornhak, Marco Dittus und Liane Höre, die zusammen mit dem Fachreferenten des Fachbereichs Gedenkstättenarbeit der LpB, Cornelius Kückelhaus, über die Frage diskutieren, was es für eine inklusive Gesellschaft braucht. Schnell wurde einmal mehr betont, dass Menschen mit Behinderung vor allem Alliierte brauchen, die sich für mehr Toleranz einsetzen. Marco Dittus erzählte davon, dass er nach einem Sportunfall an den Rollstuhl gebunden wurde und nur weiter zur Schule gehen konnte, weil seine damalige Schulleitung sich dafür einsetzte, dass ein weiterer Besuch eben möglich gemacht werden würde. Liane Hörig berichtete ähnliches. Zwar sei sie als kleinwüchsige Person gefragt worden, ob Stehtische in der neuen Büroküche in Ordnung wären, an zukünftige Kolleg:innen, die vielleicht im Rollstuhl sitzen, sei aber dabei nicht gedacht worden. Der junge Aktivist Luk Bornhak berichtete von gegenteiligen Erfahrungen: Er durfte die Oberschule nur bis zur 10. Klasse besuchen und hatte nie eine Chance, das Abitur zu machen. Er setzt sich für eine klare Sprache ein: man solle nicht von Menschen mit Bedürfnissen, oder Menschen mit Handicap sprechen. Eine Behinderung sei nichts Schlechtes und daher müsste es auch so genannt werden. Hinzukommen würde, dass behindert sein auf deutschen Schulhöfen vielerorts als Schimpfwort benutzt würde. Hier müssten auch Begriffe zurückgewonnen werden.
Nach der intensiven Diskussion ging es für die Teilnehmenden in die Workshopphase. Dabei gab es für den Vormittag als auch für den Nachmittag jeweils einen von vier Workshops zur Auswahl, sodass insgesamt zwei verschiedene Angebote besucht werden konnten.
Im ersten Workshop ging es um Leichte Sprache, moderiert von Isabell Maurer und Madeleine Erasmus. Leichte Sprache ist per Definition ein Text, der so geschrieben ist, dass er von einer möglichst großen Zielgruppe gelesen und verstanden werden kann. Dies schließt Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ein, die aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten und wenig Erfahrung mit dem Lesen und Schreiben haben. Laut Definition gibt es nur geschriebene Leichte Sprache. Sie unterscheidet sich von der „Einfachen Sprache“ dadurch, dass sie deutlich weniger komplex ist, bestimmten Regeln unterliegt und von der Zielgruppe getestet werden sollte. Sie besteht aus kurzen, einfach aufgebauten Sätzen. Die Sätze enthalten nur kurze, gut verständliche und bekannte Wörter und ausschließlich gebräuchliche Zahlen. Die Texte werden in gut lesbarer Schrift, groß und mit großem Zeilenabstand auf stärkerem Papier geschrieben. Jeder Satz erhält eine neue Zeile. Einfache, leicht verständliche Bilder illustrieren den Inhalt. Ist der Text erstellt, wird er von der Zielgruppe auf Verständlichkeit geprüft und freigegeben.
Den Workshopteilnehmer:innen wurde anhand von Beispielen und einer Übung gezeigt, wie ein Text in Leichter
Sprache zu erstellen ist. Ebenso wurde gezeigt, wie man einen komplizierten Text in Leichte Sprache umformuliert.
Aus den Rückmeldungen geht hervor, dass die Erstellung bzw. Umformulierung eines Textes in Leichte Sprache für
alle Teilnehmer:innen schwierig war und gezielte Unterstützung notwendig ist.
Im zweiten Workshop ging es um kostenfreie digitale Tools. Hier moderierten Dr. Sabine Graf von der LpB Saarland als
auch Anja König vom VGKN. Viele kleinere Einrichtungen sehen sich häufig mit Herausforderungen konfrontiert, die
von eingeschränkten Öffnungszeiten bis hin zu eingeschränkten Informationsangeboten reichen. Einer der
Hauptgründe dafür ist das Fehlen ausreichender Ressourcen. Trotz dieser Einschränkungen besteht das
übergeordnete Ziel darin, die Sichtbarkeit dieser Orte zu erhöhen und die Verfügbarkeit von Informationen zu
erweitern.
Im Workshop wurde sich mit der Anwendung kostenloser digitaler Tools zur Förderung der Zugänglichkeit im
Themenfeld „Inklusion“ beschäftigt. Ziel war und ist es, trotz knapper Ressourcen ein inklusives und barrierefreies
Umfeld zu schaffen und die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Informationen für Gedenkstätten zu verbessern. Es
wurde festgestellt, dass viele Institutionen vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Durch die vorgestellten Tools und Best-Practice-Beispiele erhielten die Teilnehmer Einblicke in ihre Möglichkeiten,
doch musste dabei auch festgestellt werden, dass je nach Kenntnissen zur Bedienung digitaler Tools große
Unterschiede bei den Teilnehmer:innen bestanden.
Eine Empfehlung war die Anregung, Kooperationen mit lokalen Kunsthochschulen oder Fachhochschulen einzugehen.
Durch solche Partnerschaften können die Gedenkstätten von den kreativen Ansätzen und frischen Perspektiven der
Studierenden profitieren. Gleichzeitig erhalten die Studierenden die Möglichkeit, praxisnahe Projekte umzusetzen
und ihre Fähigkeiten in einem realen Umfeld zu erproben
Alle vorgestellten Tools können online im Padlet eingesehen werden. Es wird ständig erweitert und Mitarbeit ist
erwünscht, hier: https://padlet.com/Anja_Koenig/digitale-tools-f-r-die-gedenkst-ttenarbeit-qfr7cpufnu3xd6n4
Im dritten Workshop präsentierte Richard Lallathin vom Maria-Zeitler-Pfad zusammen mit den Guides Samantha
Endres, Richard Zöller und Christian Kretz. Sie stellten ihre Tandemarbeit vor, bei der sie bei Führungen entlang des
Maria-Zeitler-Pfades in Neckarelz-Mosbach immer zu zweit sind: Eine Person mit und eine Person ohne Behinderung.
Dies stellten sie praktischerweise an mobilen Stelltafeln dieses Pfades vor, die sie dabei hatten.
In der Diskussion drehte sich viel um die Erfahrungen im Umgang mit Schulklassen als auch der Ausbildung der
Tandempartner mit Behinderungen.
Der letzte Workshop von Winfried Specht vom Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg e. V. und Marc
Fischer vom Stadtjugendring Stuttgart e. V. informierte über Menschen mit einer Sehbehinderung in einer
Gedenkstätte. 80% aller Informationen werden über das Sehen wahrgenommen. Blinde Menschen können diese nur
wahrnehmen, wenn sie in einer alternativen Form (z.B. auditiv) zur Verfügung stehen. Bei welchen Informationen
Menschen mit einer Seheinschränkung visuell wahrnehmen, ist abhängig von dem verbleibenden Sehvermögen.
Hören ist für die verbale Kommunikation ein unersetzlicher Sinn. Dies gilt beispielsweise auch für die Teilnahme an
Führungen in Museen.
Die Teilnehmenden an dem Workshop hatten zunächst die Gelegenheit, sich freiwillig mit einer kurzen
Selbsterfahrung einen Eindruck von einer Seheinschränkung zu verschaffen. Hierfür wurden Simulationsbrillen
verteilt, die eine Seheinschränkung der häufigsten Augenerkrankungen simulieren. Im Fokus der Diskussion stand die
Frage: Wie gelangen Menschen mit Seheinschränkungen zu einer Gedenkstätte und welche Möglichkeiten gibt es,
ihnen die vorhandenen Informationen zugänglich zu machen?
Da immer mehr Menschen mit Seheinschränkungen Smartphones zur Navigation nutzen, sollten Gedenkstätten als
Orientierungspunkte in Navi-Apps eingetragen werden. Eine sinnvolle barrierefreie Wegführung zur Gedenkstätte ist
dadurch möglich. Blindenleitlinien allein geben Menschen mit Sehbehinderungen keine Informationen über ihren
Standort. Blindenleitlinien können aber z.B. hilfreich sein, um gezielt zum Haupteingang zu führen.
Bei einer Führung in der Gedenkstätte sind folgende Punkte wichtig:
 In Richtung der Gruppe sprechen,
 Richtungsangaben zu den beschriebenen Objekten (z.B. „… befindet sich von Ihnen aus gesehen auf 9 Uhr.“),
 eine inhaltliche Beschreibung gezeigter Bilder,
 bekommen Besuchende die Möglichkeit einen kurzen Text oder verschiedene Plakate durchzulesen, diesen für Menschen mit Seheinschränkung auch vorzulesen,
 bei Führungen für Menschen mit Behinderungen ist grundsätzlich mehr Zeit einzuplanen (im Vorfeld bitte mit der Gruppe abstimmen), da beispielsweise das Ertasten von Objekten zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt und evtl. mehr Rückfragen zu den vorgestellten Objekten gestellt werden,
 Einsatz mobiler Induktionsanlagen für Menschen mit Hörbehinderung bzw. Einsatz eines Gebärdendolmetschers/einer -dolmetscherin,
Taktile Darstellungen von den vorgestellten Ausstellungsobjekten, den vorhandenen Gebäuden, dem Gesamtgelände einer Anlage usw. geben Menschen mit Seheinschränkung eine Vorstellung von der besuchten Gedenkstätte. Beispielhaft wurden verschiedene maschinell und als 3D-Druck gefertigte Modelle gezeigt. Den Teilnehmenden wird im Nachgang eine kleine Präsentation zur Verfügung gestellt, die auch Links zu weiterführenden Informationen enthält.
Anschließend an die Workshopphase begab sich die Gruppe zur Gedenkstätte Grafeneck, welche 20 Minuten mit dem Auto entfernt vom Haus auf der Alb entfernt liegt. Hier wurden im Jahr 1940 mehr als 10.000 Menschen mit Behinderung von den Nationalsozialisten im Rahmen der so genannten Aktion T4 ermordert. Die Pädagogin der Gedenkstätte, Kathrin Bauer, gab der Gruppe eine Führung sowie einen Einblick in die Arbeit der Gedenkstätte. Nach dem Abendessen gab Frau Bauer weitere Einblicke in die konzeptionelle Arbeit der Gedenkstätte und ging der Frage nach, ob gerade die Gedenkstätte Grafeneck eine Verantwortung zur Inklusion hat. Während Frau Bauer eine Verantwortung der Gedenkstätte Grafeneck beim Thema Inklusion nicht abstritt, argumentierte sie viel mehr dafür, dass alle Gedenkstätten eine Verantwortung zur Inklusion haben. Wenn Gedenkstätten Orte der Gesellschaft sein wollen, müssen sie auch für alle Mitglieder der Gesellschaft zugänglich sein. Dies würde Inklusion unabdingbar machen.
Der letzte Tag startete mit einem Ausschnitt aus dem Dissertationsprojekt von Christoph Huber von der Universität Heidelberg mit dem Titel „Wessen Stimmen zählen? Öffnungsprozesse für ein inklusives Erinnern und Räume für Opferbiographien in der Arbeit der „Euthanasie“- Gedenkstätten“. In seiner Arbeit geht Herr Huber der These nach, dass erst der Wandel der Rollen von Menschen mit Behinderung eine Öffnung der Gedenkstättenarbeit für die Sichtweisen der Betroffenen und Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe ermöglichte. Als Quellen für seine Arbeit nutzt Herr Huber vor allem Interviews mit Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen der Gedenkstätten Grafeneck, Hadamar und Brandenburg an der Havel – alle waren Tötungsanstalten im „Euthanasie“ Programm der Nationalsozialisten. Herr Huber stellt fest, dass zwar ein zunehmendes Bewusstsein für eine Öffnung bei den Gedenkstätten erkennbar ist, es aber immer noch viele Barrieren gibt. Auch Menschen mit Behinderung würden diese Öffnungen erkennen und sich bewusster mit dem Thema auseinandersetzen. Hier sieht Herr Huber vor allem die Chance in Selbstvertretungsorganisationen, die wichtige Partner bei der Implementierung von Inklusion sein können. Diese können die Gedenkstätten für eine inklusive Öffnung weiter sensibilisieren aber auch bei der Umsetzung von Barrierefreiheit beraten. Eine Konfrontation von Besuchenden mit Menschen mit Behinderung auf den Geländen der Gedenkstätten hält Herr Huber für sinnvoll. Als Beispiel führt er dabei die Gedenkstätte Grafeneck an, auf der heute wieder Menschen mit Behinderung wohnen, die auch von den Besuchenden wahrgenommen werden und bei Gruppen zu der Diskussion führen, ob sich dieser Ort als Wohnort heute eignet. Er zeigt aber gleichzeitig auch die Lebensrealität von Menschen vor Ort mit Behinderungen heute. Herr Huber wünscht sich darüber hinaus auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, um eine breitere Lebensrealität vermitteln zu können. Ein weiteres Beispiel ist Brandenburg an der Havel, wo Menschen mit Behinderungen als „Guide“ arbeiten und somit
selber zu Expert:innen für den Tatkomplex „Euthanasie“ dwerden. Solche Kontakte könnten zu einer weiteren Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft beim Thema Inklusion führen.“
Zum Abschluss der Tagung betrat Charlotte Trottier von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten – Gedenkstätte Bergen-Belsen mit ihrem Vortrag: „Inklusive Gedenkstättenarbeit als soziale Frage: Normalität und Perspektiven“ das Redner:innenpult.
Der Vortrag von Charlotte Trottier behandelte die zunehmende Bedeutung der Inklusion in verschiedenen Institutionen, insbesondere in Gedenkstätten. Es wurde betont, dass viele Gedenkstätten trotz ihrer Bemühungen um Inklusion den Status quo aufrechterhalten, in dem bestimmte Gruppen von Personen ausgeschlossen werden. Dies hängt oft damit zusammen, dass Gedenkstätten in einer Gesellschaft tätig sind, in der Ressourcen und Möglichkeiten ungleich verteilt sind. Sie betont, dass Inklusion nicht nur ein externes Angebot, sondern auch ein internes Selbstverständnis der Institutionen darstellt. Die allgemeine Vorstellung von „Normalität“ beruht auf gesellschaftlichen Normen, die oft unbewusst übernommen werden. Diese Normen können jedoch hinterfragt und neugestaltet werden, um inklusiver zu sein.
Trottier plädiert für einen umfassenden Inklusionsbegriff, der verschiedene Aspekte der Diversität berücksichtigt. Diese Erweiterung widerspricht keiner engen Definition von Inklusion, sondern zielt darauf ab, alle Menschen einzubeziehen. Des Weiteren ist es wichtig, dass die soziale Teilhabe nicht nur inhaltlich in der historisch-politischen Bildung, sondern auch in der praktischen Umsetzung reflektiert wird. Frau Trottier betont, dass der Vortrag auf den Erfahrungen der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, insbesondere der Gedenkstätte Bergen-Belsen, basiert. Hier werden aktuell Prozesse der Beratung mit „Expert:innen in eigener Sache“ sowie der Versuch einer institutionellen Neuausrichtung mit dem Ziel erhöhter und nachhaltiger sozialer Teilhabe in historisch-politischen Bildungsprozessen, Forschung und Kommunikation reflektiert.:
Literaturempfehlungen:
Buschmann, Alina, L’Audace, Luisa (Hrsg.); Angry Cripples – Stimmen behinderter Menschen gegen Ableismus. 2023.
Gryglewski, Elke; Design Für Alle, Standard? Experiment? Notwendigkeit? Berlin 2021.